Herbstperspektiven
Beim Herbstspaziergang rascheln meine Füße durch das Laub auf den Wegen. Gelb, rot, bunt liegt die Pracht vor mir, und ich atme feuchte, kühle Luft ein. Noch immer zu warm für die Jahreszeit, aber spürbar kühler als die Hitze des Sommers. Kleine Bäche führen wieder Wasser, und gräbt man die Hand einmal in den Boden, kommt unzähliges wuseliges Leben zum Vorschein.
Draußen ist gerade richtig viel los. Die Blätter färben sich, die ersten Herbststürme fegen durch die Baumkronen und nehmen mit, was nicht mehr gebraucht wird. Blätter, Zweige, Äste und manchmal ganze Bäume. Alles bleibt auf dem Boden und bildet eine wärmende Decke, unter der das Recycling längst in vollem Gange ist: Jeder noch so kleine Nährstoff wird wieder aus dem Material gelöst. Dabei entsteht Wärme, die in der kalten Jahreszeit überlebenswichtig ist für alles, das nicht in Starre verfallen kann.
Drinnen derweil jammern Menschen: zu kalt, zu nass, der Sommer ist vorbei und überhaupt man kann nicht mehr im T-Shirt draußen sitzen. Und zugleich herrscht Action in Parks und Gärten, man kommt kaum hinterher, das ganze Laub zu rechen, die Wiese zu mähen, die Bäume zu stutzen oder schnell zu fällen. Das Röhren der Sägen und das Pusten der Laubbläser reißt kaum ab, seit die Blätter wieder gelb werden.
Jede dieser Perspektiven hat für sich genommen ihre Berechtigung.
Und doch zeigt sich im menschlichen Handeln eine Kluft: zwischen denen, die Veränderung umarmen und Zusammenhänge sehen und denen, die vor allem auf sich selbst schauen. Zwischen Gemeinschaft und Optimierung ist unser gesellschaftlicher Impuls leider zu oft letzteres.
Betrachtet also gern einmal den Herbstwald. Was dort gerade sichtbar wird, ist echte Zirkularität. Jedes Lebewesen trägt seinen Teil dazu bei. Bäume machen mit den fallenden Blättern den Weg frei für die Winterniederschläge, die den trockenen Boden wieder auftanken. Gleichzeitig stehen kleinste Lebewesen parat um wieder aufzubereiten, was die stillen Riesen nicht mehr brauchen.
Was du davon mitnehmen kannst
Drei Dinge, die mir wieder bewusst geworden sind:
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Loslassen ist kein Verlust.
Der Baum gibt im Herbst nicht auf – er macht Platz. Wer das Laub behält, kann den Winterregen nicht aufnehmen. Frage für dich: Was von dir könnte in dieser Saison abfallen, damit das Wichtige Platz bekommt? Ein Termin, eine Gewohnheit, eine Meinung?
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Regeneration sieht von außen wie Stillstand aus.
Unter der Laubdecke passiert gerade am meisten – es wird umgebaut, gelöst, neu zusammengesetzt. Das gilt auch für dich: Pausen sind keine verlorene Zeit. Da läuft das Recycling, auch wenn du nur rumliegst.
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Nicht alles muss sauber sein.
Ein Quadratmeter Laub ist ein Winterquartier für unzähliges Kleinstleben. Wer alles wegharkt, räumt auch das Leben weg. Mein Tipp: Lass eine Ecke liegen – im Garten, im Kopf, im Kalender.
Und wenn es dich mal wieder rauszieht, dann schau gern in meinen Veranstaltungskalender rein, es ist eigentlich immer für jeden etwas dabei.
Bis bald im Wald, Hanjo