Mentale Gesundheit im Schulsystem

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Am Samstag durfte ich beim „Offenen Klassenzimmer“ des Kreiselternrates Dresden zwei kurze Workshop-Einheiten gestalten. Jeweils rund 60 Minuten, insgesamt 23 Teilnehmende besuchten die beiden Runden: Eltern, Lehrkräfte und ein Schüler. Die Räume waren schlicht, der Zeitplan straff – und dennoch entstand eine konzentrierte, zugewandte Stimmung. Es ging nicht um große Theorien oder fertige Lösungen, sondern um das, was Menschen im Schulalltag tatsächlich erleben und tragen.

Mitgebracht habe ich eine Hypothese, die mich schon länger begleitet:
Wenn die Erwachsenen im System – Lehrkräfte, Eltern, Leitung – überlastet sind, dann hinterlässt das Spuren bei den Schüler:innen. Andersherum gilt: Wo Erwachsene sich getragen fühlen und in Verbindung stehen, entsteht eher ein Klima, in dem Kinder gesund lernen und wachsen können. Sich auf Impulse von außen zu verlassen ist keine Lösung. Wirklich tragfähige Veränderung beginnt wenn wir im eigenen Wirkungskreis beginnen – mit kleinen, machbaren Schritten, die zu unserem Alltag passen.

Um zügig in die Tiefe zu kommen, haben wir Beobachtungen gesammelt und anschließend mit der Methode „Five Whys“ Ursachenlagen erkundet. Als Abschluss war eine Runde „15-Percent-Solutions“ geplant – also kleine, sofort mögliche Schritte. Die Gespräche waren lebendig und dicht; deshalb haben wir diesen Teil nur angerissen. Für mich war das in Ordnung: Lieber einen Gedanken wirklich bewegen als hektisch alles abhaken.

Spannend war die Blickrichtung, die sich in beiden Gruppen zeigte. Obwohl viele Lehrkräfte und Eltern dabei waren, landeten wir immer wieder bei den Erfahrungen der Schüler:innen. Themen wie Leistungsdruck, Wertschätzung, Selbstbestimmung und Sinnhaftigkeit standen im Mittelpunkt. Nicht als abstrakte Begriffe, sondern sehr konkret: Wie fühlt sich Lernen an? Wo erleben junge Menschen Mitgestaltung, wo eher Fremdbestimmung? Wann wird Leistung zu viel, und wann wird sie durch Anerkennung tragbar?

Auffällig war auch, was an diesem Tag kaum Raum einnahm: die klassische Liste der Rahmenbedingungen. Natürlich wissen wir alle um Klassengrößen, Lärmpegel oder knappe Ressourcen. Hier lag der Fokus jedoch eher auf der Beziehungsqualität und der Frage: Was brauchen Kinder und Jugendliche, um innerlich ruhig zu werden, neugierig zu bleiben und sich sicher genug zu fühlen, um zu lernen? Diese Perspektive hat viel Respekt in den Raum gebracht – für die jungen Menschen, aber auch füreinander.

Ob dies noch an der nachklingenden Keynote von Margret Rasfeld, der allgemein transformativen Stimmung der Veranstaltung oder der inneren Motivation von Eltern und Lehrer:innen lag kann ich nicht beurteilen. Aus der Erwachsenenperspektive klang jedoch immer wieder an: Wer sich selbst gut regulieren kann, stärkt die Lernumgebung für alle. Das passt zu meiner Hypothese. Ein System, das dauerhaft am Limit läuft, verteilt seine Anspannung. Umgekehrt kann Entlastung an einer Stelle – etwa durch klare Prioritäten, ruhige Übergänge oder gelebte Anerkennung – spürbar gut tun, auch für die, die nicht direkt beteiligt sind.

Aus den Gesprächen nehme ich drei leise, aber klare Schlüsse mit:

1) Beziehungen tragen Fachlichkeit.
Wo Schüler:innen als ganze Menschen gesehen werden, entfaltet sich Lernen leichter. Anerkennung, Mitbestimmung und verlässliche Rituale sind keine „Extras“, sondern Teil einer gesunden Lernkultur. Sie dämpfen Druck nicht einfach weg, machen ihn aber verarbeitbar.

2) Selbstfürsorge der Erwachsenen ist Schutzfaktor für Kinder.
Lehrkräfte und Eltern, die eigene Grenzen kennen und Unterstützung erleben, geben anders weiter: ruhiger, zugewandter, mit mehr Klarheit. Das ist keine individuelle Bringschuld, sondern eine systemische Aufgabe – Teamzeiten, kollegiale Beratung, verlässliche Pausen und hilfreiche Absprachen sind hier keine Nebensache.

3) Kleine Schritte öffnen Türen.
Große Veränderungen brauchen Zeit. Bis dahin wirken die kleinen Schritte: ein achtsamer Check-in im Kollegium, ein bewusst ruhiger Start in die Stunde, kurze Bewegungsinseln, klare Puffer zwischen Phasen, ein Elternabend im Dialog statt im Sendemodus. Solche 15-Prozent-Lösungen sind keine „Minilösungen“, sondern Einstiege in gelebte Praxis.

Die Mischung aus knapper Zeit und klarer Struktur hat geholfen, Wichtiges sichtbar zu machen. Für eine nächste Durchführung wünsche ich mir zwei Ergänzungen:

  • Mehr Raum für Umsetzungsbrücken: Am Ende 10–15 Minuten nur für die Frage „Was probiere ich als Nächstes aus – konkret, klein, ab morgen?“
  • Mehr Rollen im Dialog: Lehrkräfte, Eltern und Schüler:innen – gemeinsam oder in zwei Schritten –, damit aus dem Sprechen über einander mehr Miteinander entsteht.

Das Setting im Klassenraum war praktisch, aber etwas statisch. Wo es möglich ist, würde ich gern einen kurzen Gang nach draußen integrieren: Bewegung entspannt, der Blick weitet sich, und oft entstehen dort die ruhigeren Gedanken, die man drinnen schwerer findet.

Ich würde das Format gern an einer Schule vertiefen – als halben oder ganzen Tag mit allen relevanten Gruppen. Ein möglicher Ablauf:

  1. Ankommen und Rahmensetzung: Wozu sprechen wir heute – und woran würden wir merken, dass es uns guttut?
  2. Perspektiven sammeln: Was erleben Schüler:innen, Lehrkräfte, Eltern, Schulleitung – wo gelingt etwas schon gut, wo drückt es?
  3. Ursachen erkunden: Mit strukturierten Fragen statt Schuldzuweisungen.
  4. Schutzfaktoren definieren: Was stabilisiert bei uns vor Ort? (Rhythmisierung, Pausenkultur, Anerkennung, Mitgestaltung, klare Prioritäten.)
  5. Kleine Schritte committen: Pro Rolle ein bis zwei konkrete Maßnahmen, die im bestehenden Alltag Platz haben.
  6. Follow-up vereinbaren: Nach 6–8 Wochen kurz schauen, was Wirkung zeigt und was angepasst werden sollte.

So wird mentale Gesundheit kein zusätzlicher Aufgabenblock, sondern eine Brille, durch die Entscheidungen leichter und stimmiger werden. Manches braucht Zeit und Strukturen – vieles beginnt im Kleinen, mit verlässlichen Routinen, die allen guttun.

Wenn du dich in diesem Thema wiederfindest – als Lehrkraft, Elternvertreter:in, Schulleitung oder Schüler:in – und Lust auf einen behutsamen, praxisnahen Einstieg hast, melde dich gern. Wir schauen gemeinsam, was bei euch wirklich dran ist und wie ein passender, kleiner Anfang aussehen kann. Und falls es gerade nicht passt: Sprich das Thema in eurem Gremium an, teilt diesen Beitrag oder nehmt euch in eurem Team eine halbe Stunde für die Frage: Welcher kleine Schritt würde uns jetzt spürbar entlasten – und wie machen wir ihn leicht?

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