Sinn, Motive, Sicherheit

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In der beruflichen Neuorientierung sehe ich zwei Hebel, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken. Auf der einen Seite suchen Menschen nach Sinn in der Arbeit, weil sie ihn in ihrer aktuellen Rolle nicht (mehr) erkennen. Auf der anderen Seite brennen Menschen in Jobs aus, die ihnen eigentlich sehr sinnvoll erscheinen, weil ihre Stärken und Motive überzogen, ausgenutzt oder schlicht am falschen Hebel eingesetzt werden.

Genau diese Spannung soll hier der Einstiegspunkt sein. Denn hier geht es nicht primär um Sinn, sondern um Motivation: Was bringt uns wirklich in Bewegung, und was lässt Energie versickern, obwohl die Richtung eigentlich stimmt?

Sinn kann richtig hell brennen und trotzdem schnell verpuffen, wenn das Umfeld die falschen Impulse setzt. Zum Beispiel durch Dauerdruck, widersprüchliche Ziele, fehlende Anerkennung oder null Einfluss. Dann kippt selbst sinnvolle Arbeit in Erschöpfung. Vielleicht kennst du das: Wir glauben an die Sache, und trotzdem wird es zäh, weil wir im System nur reagieren statt gestalten.

Damit verschiebt sich die Frage. Nicht nur: Wofür machen wir das? Sondern: Welche Impulse nähren Motivation, und welche verbrennen sie?

Was treibt uns ins Handeln, ohne auszubrennen?

Was treibt uns konkret ins Handeln, und was brauchen wir, um wirkungsvoll, innovativ, kreativ und zugewandt zu arbeiten, ohne auszubrennen?

Wenn man Menschen fragt, was sie bei der Arbeit antreibt, kommen oft sehr konkrete Antworten. Geld, ein gutes Arbeitsklima, Flexibilität, Teamevents, Spaß bei der Arbeit, Weiterbildung, Herausforderungen, Karriere. Das ist aber nur die sichtbare Schicht. Es sind handfeste Bedingungen und kleine Stellschrauben, an denen sich Motivation im Alltag zeigt.

Nur hilft diese Ebene nicht immer, wenn man grundlegender verstehen will, warum etwas trägt oder warum es plötzlich kippt. Dafür lohnt sich ein Schritt zurück. Hinter den vielen Einzelantworten lassen sich meist drei Kernthemen erkennen.

Was uns motiviert, aktiv zu werden, ist vielfältig. Psychologisch lässt es sich auf drei Kernthemen bündeln. Nicht als Schubladen und auch nicht als Quiz, sondern als grobe Einteilung, die Orientierung gibt.

Diese drei Motive sollen im folgenden Wachstum, Verbindung und Autonomie genannt sein.

Wachstum

Dieses Motiv springt an, wenn du merkst: Ich kann etwas bewegen. Ich lerne. Ich werde besser. Es kommt etwas raus. Viele Menschen unterschätzen, wie grundlegend dieser Treiber ist, gerade bei Arbeit, die viel „unsichtbar“ bleibt.

Wachstum zeigt sich ganz bodenständig. Du kennst wahrscheinlich diese Momente, in denen du nach einem Gespräch denkst: Das hat gerade wirklich etwas sortiert. Oder nach einem Workshop: Jetzt ist ein Knoten aufgegangen. Oder beim Bauen, Schreiben, Entwickeln: Es funktioniert. Fortschritt ist spürbar, wenn es eine klare Rückmeldung gibt, aus dem System, von anderen oder aus dir selbst.

Die gesunde Form davon ist Lernfreude. Du willst verstehen, ausprobieren, besser werden. Du setzt dir Standards, weil dir Qualität wichtig ist, nicht weil du Angst vor Fehlern hast. Du fühlst dich lebendig, wenn du merkst, dass dein Tun Wirkung hat.

Der Kipppunkt liegt nah daneben: Perfektionismus, dem nie fertig werden, oder dauernderndem Vergleichen. Dann wird aus Wachstum ein Hamsterrad. Es geht nicht mehr um Wirkung, sondern um Beweis. Nicht mehr um Fortschritt, sondern um Angst, nicht zu genügen.

Ein hilfreicher Gegenimpuls ist oft erstaunlich klein. Definiere sichtbar, was „gut genug“ heute bedeutet. Nicht als Abwertung, sondern als Schutz. Wenn die Messlatte jeden Tag heimlich höher rutscht, gewinnt am Ende niemand.

Verbindung

Dieses Motiv zündet, wenn du Resonanz spürst. Wenn es nicht nur um Aufgaben geht, sondern um ein Miteinander, das trägt. Wenn du merkst: Ich gehöre dazu. Ich werde gesehen. Ich leiste einen Beitrag, der jemandem etwas bedeutet.

Verbindung ist nicht automatisch Harmonie. Eher ein Gefühl von Kontakt, Verlässlichkeit und gemeinsamem Sinn. Manchmal reicht dafür ein kurzer Moment: ein ehrlicher Danke, ein unterstützender Blick, eine Abstimmung, die Klarheit schafft, statt neue Unruhe.

In der gesunden Form ist Verbundenheit ein Verstärker für Mut. Menschen probieren mehr aus, wenn sie sich nicht sofort alleine fühlen, sobald etwas schiefgeht. Teams werden kreativer, wenn sie Konflikte nicht vermeiden müssen, sondern austragen dürfen, ohne dass gleich Beziehungen zerbrechen.

Der Kipppunkt hier ist People-pleasing. Harmoniezwang. Emotionale Dauerverfügbarkeit. Dann wird Verbundenheit zur Falle. Du wirst zum Puffer, zum Kümmerer, zur Person, die immer noch schnell mitzieht, damit es für alle passt. Und irgendwann merkst du, dass du zwar überall dabei, aber innerlich nicht mehr wirklich da bist.

Ein guter Gegenimpuls ist, Verbindung nicht über Dauerpräsenz zu definieren, sondern über Verlässlichkeit. Weniger, aber klar. Ein echtes „Nein“ kann mehr Beziehung schützen als ein halbherziges „Ja“.

Autonomie

Dieses Motiv wird oft missverstanden. Viele denken bei Autonomie an völlige Freiheit oder an „machen, was ich will“. Ich meine etwas anderes: Einfluss, Wahlmöglichkeiten, Verantwortung und Grenzen. Und Macht als Gestaltungs- und Entscheidungsmacht. Nicht als Dominanz, sondern als Fähigkeit, Dinge zu verändern. Als Fähigkeit andere zu beflügeln und zu ermächtigen.

Autonomie zeigt sich, wenn du nicht nur ausführst, sondern gestalten kannst. Wenn du entscheiden darfst, wie du arbeitest, womit du startest, welche Reihenfolge Sinn ergibt. Wenn du Einfluss auf Regeln und Prozesse hast, die deinen Alltag prägen. Wenn du Prioritäten setzen kannst, statt ständig fremdbestimmt Prioritäten zu erfüllen.

In der gesunden Form ist Autonomie die Quelle von Kreativität. Du siehst Möglichkeiten. Du experimentierst. Du übernimmst Verantwortung, weil du wirklich etwas in der Hand hast.

Der Kipppunkt ist Ohnmacht. Mikromanagement, wechselnde Vorgaben, Entscheidungen ohne Follow-up, Prioritäten, die über Nacht getauscht werden. Dann passiert etwas sehr Menschliches: Entweder innerer Rückzug oder Widerstand. Beides sieht von außen oft nach Unwillen aus, ist aber häufig ein Schutzreflex.

Ein Gegenimpuls ist hier nicht „mehr Motivation“, sondern mehr Gestaltungsspielraum. Manchmal reicht eine einzige klare Frage im System: Was darf ich entscheiden – und worüber nicht? Wenn das nicht benannt ist, entsteht automatisch Reibung.

Motive sind unsere inneren Antreiber

Das Entscheidende ist: Diese Motive wirken nie im luftleeren Raum. Sie werden durch das Umfeld verstärkt oder ausgebremst. Gleiche Person, gleicher Sinn, anderes Umfeld, komplett andere Energie.

Wenn das System Wachstum sichtbar macht, Verbindung ermöglicht und Autonomie erlaubt, entsteht Energie fast von selbst. Wenn das System dagegen Fortschritt unsichtbar lässt, Beziehungen unter Druck setzt und Gestaltung blockiert, wird selbst die beste Ausrichtung zum Kampf.

Ein Merksatz, der mir hilft, ist simpel: Motive treffen auf Umfeldimpulse, und daraus entsteht Verhalten. Das kann Energie freisetzen oder Erschöpfung verstärken. Das ist selten eine Charaktersache, sondern meist eine Frage der Bedingungen.

Sicherheit: der Waldrand, an dem Wachstum möglich wird

Sicherheit wird oft als Motivationsfaktor genannt. Praktisch ist sie vor allem die Grundlage, auf der Motivation gesund wirken kann. Für mich ist das ein Waldrand-Bild: Am Rand ist genug Licht fürs Wachstum und genug Schutz durch die Nähe des Waldes.

Sicherheit heißt nicht, dass alles leicht ist. Sicherheit heißt, dass klar ist, was erwartet wird, und dass Absprachen halten. Fehler dürfen passieren, ohne dass gleich Schuldige gesucht werden. Es gibt Rhythmus, Pausen und echte Erholung, und Dauerstress wird begrenzt. Vor allem kannst du Fragen stellen, Nein sagen und Probleme ansprechen, ohne sofort Ärger befürchten zu müssen.

Ohne diesen Schutzraum werden Motive schnell zu Stressverstärkern. Wachstum wird zum Beweiszwang. Verbindung wird zum Kümmern bis zur Erschöpfung. Autonomie zum ständigen Kampf um Einfluss.

Mit Sicherheit passiert das Gegenteil: Motive bekommen Boden. Wachstum wird möglich, ohne dass es sofort zerrieben wird.

Essenz

Sinn gibt die Richtung. Er ist wie ein Nordstern, an dem wir uns ausrichten. Ob wir losgehen und dranbleiben, entscheidet aber unser innerer Antrieb. Der speist sich aus Wachstum, Verbindung und Autonomie.

Damit dieser Antrieb nicht verpufft oder in Selbstverbrennung kippt, braucht es Sicherheit als Grundlage. Wenn Sinn, Motive und Sicherheit zusammenkommen, wird Arbeit nicht nur sinnvoll, sondern auch tragfähig, wirksam und nachhaltig. Deshalb lohnt es sich, die eigenen Motive zu kennen und diese Grundlage bewusst zu gestalten.

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